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Ökumenische Gedenkfeier 2010 

22.11.2010 
Rede von Innenminister Heribert Rech zu Ehren der im Dienst getöteten Polizeibeamten und Polizeifreiwilligen des Landes Baden-Württemberg.

Zum PDF-Dokument: hier

 

Sehr geehrte Gäste,

ich begrüße Sie zu unserer Ökumenischen Gedenkfeier, die wir jedes Jahr zu Ehren der im Dienst getöteten Polizeibeamten und Polizeibeamtinnen begehen.

Gestatten Sie mir, dass ich zunächst auf eine religiöse Besonderheit eingehe.

Ökumene ist, wenn im Jahr 2010 ein katholischer Innenminister in der Evangelischen Hauptkirche spricht. In der Kirche, in der 1534 die erste evangelische Predigt gehalten wurde und die Einleitung der Reformation im Herzogtum Württemberg begann: In der Stuttgarter Stiftskirche. Im Herzen Stuttgarts und somit im Herzen unseres Landes öffnet die Stiftskirche heute ihre Pforten für alle Menschen unabhängig von ihrem Glauben und besonders für die Angehörigen und Familien der Polizei. Das ist nicht nur Ökumene, das ist Nächstenliebe, wie sie Jesus Christus gelehrt und praktiziert hat.

Im Zentrum unserer heutigen Zusammenkunft steht das Gedenken an unsere Polizisten und Polizistinnen, die ihr Leben im Dienst verloren haben.

Es sind Söhne und Töchter, Ehepartner, Väter und Mütter, Schwestern, Brüder und Angehörige, es sind Kollegen und liebe Freunde, die wir verloren haben, die uns fehlen, Menschen, deren Andenken wir ehren und wachhalten wollen.

In unser Gedenken möchte ich auch diejenigen Kolleginnen und Kollegen einschließen, die während ihres Dienstes durch Krankheit, oder auf eine andere Art und Weise ihr Leben verloren haben. Wir trauern um die Polizistinnen und Polizisten, die keinen anderen Ausweg aus ihren Problemen mehr gesehen haben, als ihrem Leben selbst ein Ende zu setzen.

Sie alle leben in unseren Herzen und Gedanken weiter, denn sie haben tiefe, unauslöschliche Spuren in unserem Gedächtnis hinterlassen. Wir gedenken ihrer. Sie werden nicht vergessen und immer mit der Polizei Baden-Württemberg verbunden bleiben.

Wenn es überhaupt einen Trost für den Verlust eines lieben Menschen gibt, so ist es die Gemeinschaft, die uns trägt und fest umarmt. Das heutige Gedenken soll deshalb für ein warmes und helles Erinnern, für eine Umarmung der Gemeinschaft stehen. Das konnten wir beim ersten Musikstück, der Kantate „Schafe können sicher weiden“ von Johann Sebastian Bach spüren.

Heute ist der letzte Sonntag des Kirchenjahres, der zwar wie der Tod für das unwiederbringliche Ende steht, aber zugleich auch den Beginn des neuen Kirchenjahres markiert. Mit dem Advent, also der Ankunft einer hellen und warmen Zeit, erfahren wir das Geschenk der Gemeinschaft und Hoffnung.

Der heutige Tag steht für das Ende und den Anfang, für Trauer und Hoffnung. Eine Hoffnung, Frieden zu schließen mit dem inneren Kampf zwischen Ohnmacht und Kraft, zwischen unlösbaren Fragen und tröstenden Antworten, zwischen Zweifel und Glaube.

Auch dieses innere Ringen darf heute seinen Platz in unseren Reihen haben. Es gehört zu dem Weg, den Trauer geht. Ein schwerer Weg, den Sie, liebe Trauernde, nicht alleine gehen müssen, wir gehen mit Ihnen - nicht nur heute. Die Gedenkfeier soll Sie daran erinnern, dass Sie in der Trauer nicht alleine sind, und die Verstorbenen in unserem Gedenken weiterleben.

Über Trauer und Weiterleben sprach Pater Anselm Grün bei einer Veranstaltung nach dem Amoklauf in Winnenden. Mit seinen Botschaften gab er den trauernden Menschen, darunter auch Eltern der getöteten Kinder, bis heute Kraft. Pater Anselm war so liebenswürdig, seine damals frei gehaltenen Worte extra für unsere Gedenkfeier niederzuschreiben und uns diese Worte zu übermitteln. Ich danke ihm dafür und möchte Ihnen seine Worte nun vorlesen:

„Mit dem Unbegreiflichen leben lernen. Das Leid, das uns widerfährt – aus Gründen, die wir nie erforschen können - zerbricht die Vorstellungen, die wir uns vom Leben, von uns selbst und von Gott gemacht haben. Wenn wir unsere Vorstellungen zerbrechen lassen, dann werden wir am Leid nicht zerbrechen, sondern aufgebrochen für unser wahres Selbst, aufgebrochen für neue Möglichkeiten, für das unbegreifliche Geheimnis Gottes und unseres Lebens.“

Neues Leben wird möglich. Wir dürfen an dem Schmerz und der Trauer, die sich wie eine Schale um uns legen, nicht zerbrechen. Wir müssen die Schale immer wieder wie einen Kokon aufbrechen, damit neue Lebenskraft aufkeimen kann. Sie, verehrte Angehörige und Freunde, die Sie seit mehreren Jahren zu unserer Gedenkfeier kommen, geben uns dafür Hoffnung. Sie schenken uns immer wieder auch Mut, die Trauer um jene zu tragen, die erst kürzlich verstorben sind.

Tragen müssen wir in diesem Jahr den Verlust und die Trauer um unseren Kollegen Holger Hofmann. Der 15. Februar 2010 war ein trauriger Tag für die Polizei Baden-Württemberg. Es war am Rosenmontag, jenem Tag, an dem andere ausgelassen feiern, an jenem Tag, an dem Polizeiobermeister Holger Hofmann vom Polizeipräsidium Karlsruhe wie so oft im Dienst für andere Menschen stand, die seine Hilfe brauchten. Denn er war beim Fachdienst „Notruf“. Kurz vor Mitternacht eilte Holger Hofmann seinen Kollegen zu Hilfe, die wegen eskalierender Gewalttätigkeiten in der Landesaufnahmestelle für Flüchtlinge dringend seine Hilfe brauchten. Auf der Einsatzfahrt kam es zu einem Zusammenprall mit der Straßenbahn. Holger Hofmann wurde tödlich verletzt. Die Tragik ist für uns alle schwer fassbar.

Wir wollen heute des Polizeiobermeisters Holger Hofmann gedenken. Wer war der Mensch Holger Hofmann? Er war ein liebenswerter, unkomplizierter und besonnener Mensch. Ein starkes Wesensmerkmal war seine große Hilfsbereitschaft. Er hatte jederzeit ein offenes Ohr für alle, die seine Hilfe brauchten. Holger Hofmann galt als absolut verlässlich. Mit seinem langjährigen Streifenpartner verband ihn ein fast blindes Vertrauen und Verständnis. Menschliche Bindungen hatten für ihn immer eine besondere Bedeutung. Holger Hofmann war frisch verheiratet und hatte nach langem Suchen das große Glück gefunden. Er hinterlässt eine Frau und zwei kleine Kinder, die sie mit in die Ehe gebracht hat. Seine Erfüllung fand Holger Hofmann darin, anderen Menschen zu helfen. Dass er gerade dabei starb, ist eine furchtbare Tragik, vielleicht aber auch ein Trost. Was bleibt, ist tiefer Schmerz, aber nicht nur. Was bleibt, ist auch das Vermächtnis von Holger Hofmann, dass er seine Erfüllung im Dienst für andere Menschen gefunden hatte und wir seiner gedenken, wenn wir dieses Erbe in Ehren halten.

Es ist das Vermächtnis aller im Dienst verstorbenen Polizeiangehörigen. Ich wünsche allen Trauernden, dass Ihnen dieses Vermächtnis Trost spendet. Ihr Vermächtnis soll durch unsere jährliche Gedenkfeier wachgehalten werden. Es ist das Vermächtnis und die Erinnerung an alle Polizisten und Polizistinnen, die seit 1945 im Dienst für die Sicherheit der Menschen starben.

Wenn uns der Tod eines lieben Menschen persönlich betrifft, sind Zahlen, Statistiken und Erfassungsdefinitionen etwas schwer Erträgliches, denn für uns zählt dieses eine Lachen, dieses eine Leben, die Hoffnungen und Wünsche, die liebenswürdigen Eigenheiten, die besonderen Momente - für uns zählt dieser eine einmalige Mensch. Wir wollen daher der Einzigartigkeit der Menschen gedenken, die im Dienst getötet wurden oder verunglückt sind. Und wir denken an alle verstorbenen Kolleginnen und Kollegen der Polizei.

Wir schließen heute alle ein, um die die Polizei Baden-Württemberg trauert, aber auch alle, die in diesem Jahr ihr Leben auf tragische Weise verloren. So denken wir an das Erdbeben in Haiti, bei dem 220.000 Menschen starben - eine unvorstellbare Zahl. Wir denken an acht Bundeswehrsoldaten, die im Einsatz für Frieden ihr Leben ließen. Wir denken an den Jahrestag des Amoklaufs in Winnenden und Wendlingen, an jedes der 15 getöteten Opfer und ihre Familien.

Wir denken an die Opfer der Love-Parade in Duisburg, bei der 21 Menschen ihr Leben verloren. Wir denken an die Opfer der schrecklichen Bluttat am 19. September 2010 in Lörrach. An die Gefahr, der unsere Kollegen und die Menschen ausgesetzt waren, an den Mut der Kollegen, die sich dem Unrecht in den Weg stellten und in diesem Moment ihr eigenes Leben riskierten. Wir wollen dankbar sein, dass sie am Leben blieben.

Wir denken an alle verstorbenen Menschen. An alle Menschen, die in dieser Zeit Leid, Schmerz und Trauer tragen. Jeder von Ihnen wird dabei an einen ganz bestimmten Menschen denken. Dadurch wird keiner vergessen und alle in unseren Gedanken vereint. Unter uns sind heute Menschen, die den Schmerz und die Trauer seit vielen Jahren tragen. Sie werden bestätigen, dass Erinnern Trost und Schmerz zugleich ist. Schmerz und Leid spüren wir bei der Musik aus „Schindlers Liste“, die wir nachher hören werden. Doch gerade Oskar Schindlers „Liste“ macht deutlich: Erinnern kann Schmerz und Hoffnung sein.

Dietrich Bonhoeffer hat dies in seinem schriftlichen Vermächtnis treffend zum Ausdruck gebracht und uns die Hoffnung hinterlassen, dass die Zeit die quälende Erinnerung in Dankbarkeit und in ein kostbares Geschenk verwandelt.

Der Schmerz vergeht nicht, wird auch nicht schwächer, aber Zeit wandelt ihn. Wir lernen, ihn zu tragen, ihn in unser Leben zu integrieren. Er beherrscht nicht mehr uns, sondern wir beherrschen ihn. Die Erinnerung quält uns nicht mehr, sondern schenkt uns Kraft und Licht.

Jedes Schicksal, an das wir heute erinnern, soll uns inmitten des hektischen Alltags, inmitten unserer Sorgen und Probleme, darauf zurückführen, was wirklich wichtig ist im Leben. Die Erinnerung soll uns zur Demut ermahnen, wenn wir über unseren Alltag und unsere oft als schwer empfundene Zeit klagen. Sie soll uns lehren, dankbar für das zu sein, was wir haben: Unser Leben.

Das Leben ist – so schwer es immer wieder auch sein mag – nicht nur Schatten. Die Erinnerung öffnet und schärft unseren Blick dafür.

Das Jahr 2010 hat uns neben dunklen Stunden bislang auch viel Anlass zur Freude gebracht. Ich denke dabei an die farbenfrohe Fußballweltmeisterschaft in Südafrika, den 20. Jahrestag der Deutschen Einheit. Diese Momente leuchten für jene, die das Dunkel kennen, umso heller. Erinnern hat viele Seiten. Schatten und Licht.

Das bewusste Erinnern und feierlich würdevolle Gedenken war in der Polizei nicht immer so verankert oder gar öffentlich. Schmerz und Verletzbarkeit der Staatsgewalt passten nicht in das Bild, das die Öffentlichkeit und auch die Polizei selbst von sich hatte. Lange Zeit trauerte und erinnerte jeder für sich, in der Gruppe oder in der Familie, im Stillen. Diese stille, intime Seite des Trauerns und Erinnerns ist auch heute noch wichtig. Doch diese Seite steht nicht mehr alleine, wir haben sie für alle geöffnet, die nicht alleine sein wollen, die ihren Schmerz, ihre Trauer und ihr Gedenken teilen wollen. Gerade in einem Beruf, in dem viele schwere Situationen einen „professionellen Umgang“ voraussetzen, in denen Polizeibeamtinnen und –beamte Gefühle ausschalten und „funktionieren“ müssen, in einem Beruf, der Stärke erwartet, fiel es Betroffenen lange Zeit schwer, sich zu öffnen, sich verwundbar zu zeigen, ganz Mensch zu sein und im Umgang mit Schwäche eine Stärke zu sehen.

Von 1945 bis heute hat sich hier sehr viel zum Bessern verändert. Heute sind Polizeibeamte in schweren Stunden nicht alleine. Tod, Krankheit, gebrechlich oder anders sein, Trauer, Schmerz und Leid haben ihren festen Platz, weil wir ihnen bei der Polizei ganz bewusst Raum geben. Ein Raum ist diese Gedenkfeier, die wir seit 1996 jährlich begehen. Indem wir der Erinnerung jedes Jahr an einem anderen Ort Raum geben, begegnen wir jedes Jahr anderen Menschen, wir gehen auf sie zu und sie auf uns.

Das Wort Licht spielt bei unserem heutigen Gedenken eine große Rolle. Ich möchte diesem feierlichen Höhepunkt nicht vorgreifen, aber doch so viel ankündigen, dass wir heute ein besonderes Geschenk in Empfang nehmen dürfen, das wir unserer Polizeiseelsorgerin, Eva-Maria Agster, und den Polizeiseelsorgern in Zusammenarbeit mit dem Künstler Raphael Seitz verdanken.

Eine Glasstele, in der die Namen aller Polizeibeamten und –beamtinnen eingraviert sind, die in der Dienstzeit auf Grund der besonderen Gefahren des Polizeiberufs durch Gewalt oder Unfälle ums Leben gekommen sind. Diese Namen werden zwar hervorgehoben, schließen aber niemanden aus, denn das Licht, das von ihnen ausstrahlt, schließt alle Verstorbenen der Polizei in unser Gedenken ein. Wir werden nachher noch mehr über die Bedeutung des Kunstwerks erfahren. Ich möchte mich im Namen der Polizei vorab bei der Polizeiseelsorge, insbesondere bei Ihnen, Frau Agster und Herr Knubben, für die Idee, die Umsetzung und die Glasstele herzlich bedanken. Ein besonderer Dank gebührt dabei auch unserer Polizeistiftung, die das Vorhaben nach Kräften unterstützt hat. Möglich gemacht haben Sie eine so würdevolle Form der Erinnerung an die Menschen, die ihr Leben im Dienst verloren, aber im Licht bei uns bleiben werden.

Wenn ich von Licht spreche, möchte ich nicht versäumen, den Polizeiseelsorgerinnen und –seelsorgern der Polizei Baden-Württemberg für Ihre tägliche Arbeit zu danken. Die Polizeiseelsorge ist ein fester Teil der Polizei. Ohne Ihren Dienst für die Menschen in der Polizei könnten diese ihren Dienst für die Menschen im Land nicht so verlässlich tun. Dabei schließe ich all unsere guten Seelen der polizeilichen Konfliktberatung ein. Sie alle sind stets präsente Begleiter, allseits bekannte Gesichter und unaufhörlich engagierte Menschen. Sie helfen, stützen, geben Halt, fangen auf und begleiten von Anfang an auf dem ganzen Berufsweg. Sie tun das nicht alleine, sondern in einem breiten Netz.

Unser Hilfsnetz ist nur deshalb so stark, weil jeder jedem hilft und Menschen sich für andere einsetzen. Die Polizei ist eine große Familie, die gerade in schweren Zeiten zusammensteht. Dabei spielen Verwandtschaftsgrade keine Rolle. Diese große Familie schließt auch die Familien unserer Polizeibeamten und Angestellten mit ein. Sie alle gehören zu uns. Wir gehen den Weg gemeinsam.

Unsere ökumenische Gedenkfeier lebt diesen Gedanken im doppelten Sinn. Zum einen konfessionell. Zum anderen, indem wir dies öffentlich tun und uns für die Bürger öffnen, denn die Polizei ist ein Teil der Gesellschaft.

Die Polizei lebt vom Miteinander. Miteinander wollen wir heute erinnern, nicht im Dunkel, sondern im Licht.

Es gibt ein Trauerzitat über die Erinnerung, dessen Botschaft ich an das Ende meiner Worte stellen möchte:

„Erinnerungen

sind wie kleine Sterne, die

im Dunkel unserer Trauer leuchten“

Ich wünsche Ihnen allen, dass das Leuchten Sie in dunklen Zeiten trägt und in guten Zeiten daran erinnert, das Leben zu ehren.