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„Die beste Gewaltprävention bietet die Familie. Erziehungsdefizite führen aber immer öfter schon in jungen Jahren dazu, dass Kindern Vorbilder fehlen und ihnen wichtige Werte unserer Gesellschaft nicht ausreichend vermittelt werden. Zusammen mit anderen Faktoren kann dieser Mangel die Ursache für den Start einer kriminellen Karriere sein.“ Das sagte Innenminister Heribert Rech bei der Distriktversammlung der Lions-Clubs von Baden-Württemberg am Samstag, 27. März 2010, in Pforzheim.
Die Lions-Clubs würden mit ihren sozialen Aktivitäten einen wichtigen Beitrag zur Präventionsarbeit leisten. Projekte wie „Kindergarten plus“ zur Stärkung der kindlichen Persönlichkeit, „Klasse 2000“ bei der Gesundheitsförderung, Gewaltvorbeugung und Suchtprävention in der Grundschule oder „Lions Quest - Schule und Zukunft“ zur Förderung der ethischen und beruflichen Orientierung hätten Vorbildcharakter. „Die Lions- Clubs kümmern sich unter dem Motto ‚Unsere Kinder sind unsere Zukunft’ in besonderer Weise um junge Menschen. Für dieses wichtige soziale Engagement danke ich allen Beteiligten“, so Rech.
Oft fehle es Kindern an Anerkennung und Wertschätzung durch ihre Eltern. Manche Kinder würden mit Gewalt innerhalb der Familie konfrontiert, sei es beobachtend oder indem sie selbst zum Opfer würden. All dies könne negative Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl und die soziale Kompetenz haben. Frust, unangemessene Konfliktlösungsstrategien, exzessiver Medienkonsum, schlechte schulische Leistungen und Alkoholoder Drogenmissbrauch könnten die Folge sein.
„Junge Menschen testen ihre Grenzen aus und kommen dabei zum Teil auch mit dem Gesetz in Konflikt. Aber die meisten von ihnen suchen und finden ihren eigenen Weg und letztlich auch ihren Platz in unserer Gesellschaft, ohne straffällig zu werden“, so Rech. Deshalb konzentriere sich die Polizei mit einem täterbezogenen Ansatz vor allem auf Kinder und Jugendliche, die in kurzen Zeitabständen wiederholt oder besonders schwerwiegende Straftaten begingen. Etwa fünf bis zehn Prozent der jungen Straftäter seien für 50 bis 60 Prozent aller Delikte dieser Altersgruppe verantwortlich. Landesweit stufe die Polizei aktuell 421 Jugendliche als so genannte Intensivtäter ein. Da bei dieser Gruppe in Einzelfällen selbst individuelle, behördenübergreifend abgestimmte Interventionsmaßnahmen, aber auch der erzieherische Gedanke des Jugendstrafrechts nicht greifen würden, nehme die Polizei seit einigen Jahren verstärkt bereits so genannte Schwellentäter in den Blickpunkt. Dabei handle es sich um junge Menschen, die Gefahr laufen, dauerhaft in die Kriminalität abzugleiten. In Baden-Württemberg seien das derzeit knapp 460 Kinder und Jugendliche.
Erfreulich sei, dass sich die Jugendkriminalität im Vergleich der vergangenen zehn Jahre rückläufig entwickelt habe (minus 4,4 Prozent). Für das Jahr 2009 weise die Polizeiliche Kriminalstatistik etwas weniger als 66.000 Tatverdächtige unter 21 Jahren aus. „Dass die weit überwiegende Mehrzahl der jungen Menschen nicht mit dem Gesetz in Konflikt gerät, wird deutlich, wenn wir uns vor Augen führen, dass den ermittelten 66.000 Jungtätern im Land rund 1,5 Millionen Kinder, Jugendliche und Heranwachsende gegenüberstehen, die nicht strafrechtlich in Erschei- 3 - nung getreten sind. Sorge bereitet mir neben dem oft erschreckend hohen Gewaltniveau die längerfristige Entwicklung“, sagte der Innenminister. Die Jugendgewalt sei in der vergangenen Dekade nämlich deutlich um fast 18 Prozent angestiegen. Jugendgewalt finde häufig im öffentlichen Raum statt. Immer häufiger richte sie sich auch gegen einschreitende Polizeibeamte.
„Dabei bereitet mir Sorge, dass seit Jahren nahezu jeder dritte junge Gewalttäter bei der Tatbegehung unter Alkoholeinfluss steht“, betonte Rech. Auch die Entwicklung der stationären Krankenhausaufenthalte wegen akuter Alkoholvergiftungen spreche eine deutliche Sprache: In den Krankenhäusern Baden-Württembergs seien im Jahr 2008 über 4.000 Kinder und Jugendliche deswegen stationär behandelt worden. Gegenüber dem Jahr zuvor bedeute das erneut eine Steigerung um neun Prozent oder 342 Fälle.
Den Kindertagesstätten und den Grundschulen komme zunehmend die Aufgabe zu, vorhandene Erziehungsdefizite bei Kindern auszugleichen. Das könne von Erziehungs- und Lehrkräften jedoch nur bedingt geleistet werden. Nur nachhaltige Präventionsansätze auf unterschiedlichen Ebenen könnten erfolgversprechend sein. Prävention müsse früh und ganzheitlich ansetzen. Grundvoraussetzung sei ein positives Klima in der Familie, in der Kindertagesstätte, in der Schule oder im Verein. Denn nur in einem solchen Umfeld bestehe Vertrauen zwischen den Beteiligten, würden Probleme offen angesprochen und Konflikte konstruktiv und gewaltfrei gelöst.
Unabdingbar sei außerdem ein gesellschaftliches Klima, in dem Gewalt geächtet sei - ob im öffentlichen Raum, hinter verschlossenen Türen oder an Schulen. „Wir brauchen keine Darstellungen extremer Gewalt in den Medien, in Videos, in Computerspielen oder im Internet. Deshalb habe ich mit meinen Amtskollegen bei der Innenministerkonferenz im Frühjahr vergangenen Jahres ein Herstellungs- und Verbreitungsverbot für so genannte Killerspiele gefordert“, sagte der Innenminister.